Willkommen!

»Wir geben uns zur Begrüßung die Hand.« These 1 des deutschen Innenministers. Zum Gruß, deutsche Leitkultur. Von Bernd Kegel

Viertel-Nr. 34 - Foto: Martin Speckmann
Foto: Martin Speckmann

Hände schütteln? Deutsch geht auch an ders: Hände umschließen Gummiknüppel. Oder Knarrenkolben: Gute fünfzig Jahre nach der Hinrichtung des Studenten Benno Ohnesorg durch den Polizisten Karl-Heinz Kurras ringen deutsche Polizisten deutsche Schüler nieder. Weil diese sich solidarisieren mit einem Mitschüler. Der gut ist in der Schule. Der alles tut, um sich anzupassen. Leider hat er den Nachteil, dass er nicht deutsch ist. Er wird als Afghane geführt. Gehört abgeschoben. Rein bürokratisch gesehen.
Das Übliche ist die kaltherzige Tour: Afghanen in den Flieger verfrachten und ab nach Kabul. In eine Gegend, die – bürokratisch gesehen – als sicher gilt. Wenn dann aber in Kabul eine Bombe hochgeht, wird der Abflug verschoben. Ausgesetzt. Bürokratisch korrekt. Wenn die Leichen abgeräumt sind, wird der Transport ausgeführt. Befehl ist Befehl.Wenn nicht direkt, dann über Oslo. Auch aus Bielefeld.
Interessanterweise finden all diese Ereignisse (von Benno Ohnesorg mal abgesehen) bei einem Menschen zusammen. Es war Lothar de Maizière, Jesuitenschüler und Minister des Inneren, der als Wahlkampfzündelei das Merzsche Kriegsbeil wieder ausgrub: den Kampfbegriff der ›deutschen Leitkultur‹. Der Flüchtlingsnachfahre hat nicht nur diesen, als ›Zehn Thesen‹ in die Welt geratenen bullshit zu verantworten, sondern auch die Entscheidungen in Bezug auf den Umgang mit jenen, die nicht ›zu uns gehören‹. Wobei die Bemerkung erlaubt sein muss, dass es sich bei ›jenen‹ um Menschen handelt.

Befehl ist Befehl

Der Innenminister fordert »die, die zu uns kommen« auf , dass sie über »Allgemeinwissen und Geschichtsbewusstsein« zu verfügen haben. Würde er sich einmal selbst an seinen Ideologiepeter packen, könnte de Maizière erkennen, dass sein eigener Mangel an »Allgemeinwissen und Geschichtsbewusstsein« möglicherweise auch böse enden könnte: »Wer die Leute als Volk anredet, kann sie zu allerlei rückständig Ungeheuerlichem anleiten. Und wer immer das Wort von Volk und dessen Leitkultur im Munde führt, führt Übles im Sinne.« So Thomas Mann, der beim bösesten Willen weder als Leitkulturgefährder noch als linksradikal zu bezeichnet ist, im ›Dr. Faustus‹.
›Deutsche Leitkultur‹ als Begriff zu nutzen, bedeutet Völkisches zu installieren. Einen Mythos zu erschaffen. »Viele große Geister haben versucht zu erklären, was deutsch ist. Sie alle haben gerirrt!«, meint Hugo Ball, der Cabaret-Voltaire unter den Dichtern und Denkern, einer der Erfinder von Dada. Mit ›großen Geistern‹ dürfte er schwerlich Friedrich Merz (CDU) gemeint haben, der den Begriff ›deutsche Leitkultur‹ im Jahr 2000 in den Bundestag wuchtete. Nach einer angemessenen Welle des Hohns kürte die PonsRedaktion das Wortkonstrukt auch prompt zum missglückten Wort des Jahres.
Warum gräbt im Jahr 2017 ein Innenminister denselben alten Knochen wieder aus, den auch die ›Neue Rechte‹ exhumiert? »Jedes Volk zeigt die instinktive Tendenz, die eigene Kultur zu verteidigen.« Das meinen die Rechten und verweisen letzten Endes auf jenen Lanz von Liebenfels, von dem auch Hitler seine Idee geklaut hat, und der in genial redundanter Weise erklärte: »Deutsch ist, wer deutsch empfindet. Deutsch ist, wer erkennt, was nicht deutsch ist, und der erkennt, was es zu bekämpfen, zu vernichten gilt. Alle anderen sind Verräter.«

Übles im Sinn

Der Begriff ›Leitkultur‹ entspringt der Definitionsgewalt: Wer das Sagen hat, hat die Macht. Und wer die Macht hat, macht was er will. Das ist dann das Gesetz. Wer definiert, was normal ist, hat die Macht, alles Abweichende abzutrennen. Mag sein, dass es vordergründig um Migranten geht. Die sich ja ganz offensichtlich ›anders‹, ›unnormal‹ verhalten. Wenn aber eine Gemeinschaft, weil sie sich als ›Volk‹ fühlt, nicht mehr Thomas Mann folgt, sondern sich Hermann Hesse zuneigt, der im Steppenwolf dazu rät, »sich nach der rauschenden Wahrheit des Bluts zu richten«, dann bleibt von der Würde des Menschen, wie sie in unserer Verfassung grundlegend formuliert ist, nicht viel übrig. Wer von ›deutscher Leitkultur‹ faselt und ausgerechnet im Lutherjahr mit ›Thesen‹ auffällig wird, hat nie Einendes im Sinn; sondern Spaltendes. Und befördert das Gefühl, dass Menschen die Identität geraubt werden soll. Wenn sich Menschen aber tatsächlich diese Idee der ›deutschen Leitkultur‹ auf die Nase binden lassen, um sich wieder mit sich selbst identisch fühlen zu können, dann läuft etwas verdammt schief.
Aber aufgepasst: De Maizière verfolgt seine Thesen weder allein noch ohne Rückendeckung. Und so entscheidet die nächste Wahl auch darüber, ob wir uns als Volk oder als Mensch fühlen sollten.