In Arbeit ankommen

Es passiert viel, um Geflüchtete in Beschäftigung zu bringen. Und es könnte doch mehr sein. Ein Bericht von Silvia Bose

Viertel-Nr. 33 - Foto: Martin Speckmann
Foto: Martin Speckmann

Almani aus Pakistan hat es geschafft. Nach drei Wochen Praktikum wollte der Arbeitgeber, ein Bielefelder Sportbekleidungshersteller, nicht mehr auf ihn verzichten. Almani leitet inzwischen zehn Näherinnen in der Firma an, verdient 2.500 Euro brutto und hat eine eigene Wohnung. Klar, der Näher hat gefragte Fähigkeiten und ist hoch motiviert, aber er hatte auch die ehrenamtlich arbeitende Unterstützerin Jutta Küster, die ihm das Praktikum vermittelt hat.
Sie hat 120 jungen Männern in ein Praktikum oder eine Ausbildung gebracht. »Das funktioniert nur über persönliche Kontakte«, sagt die ehemalige Journalistin, die in der Stadt sehr gut vernetzt und für ihre Durchsetzungsfähigkeit bekannt ist. Sie weiß, vor welchen Herausforderungen die Geflüchteten stehen: Viele leiden an den Folgen traumatischer Erlebnisse. Sie müssen nicht nur mit der Situation in einer vollkommen anders organisierten Gesellschaft klarkommen, sondern auch schnell das Sprachniveau B1 erreichen, um sich zusammenhängend über vertraute Themen äußern und überhaupt in Arbeit und Beschäftigung vermittelbar sein zu können.
»Das ist allein kaum zu schaffen. Deshalb brauchen Flüchtlinge einen Integrationsbegleiter, der sie ab der ersten Minute unterstützt«, sagt Jutta Küster. »Sonst verlieren sie ihre Motivation, werden depressiv und auch aggressiv.« Individuelle Integrationshelfer sind aber nicht vorgesehen und so versucht die ehrenamtliche Helferin ihr Möglichstes. Sie beantwortet Fragen von Arbeitgebern und regelt Probleme mit Ausländerbehörde, Sozialamt, Arbeitsagentur und Jobcenter.

Chancen durch Frühjahrsbelebung

Die Chancen auf Arbeit sind gar nicht so schlecht. Denn der Bielefelder Arbeitsmarkt ist stabil. Im Februar lag die Arbeitslosenquote bei 6,7 Prozent; 0,5 Prozentpunkte niedriger als noch vor einem Jahr. »Wir rechnen bis zum Ende des ersten Quartals mit der Frühjahrsbelebung«, sagt Chrissowalandou Apdarmani von der Arbeitsagentur. »Davon werden auch Geflüchtete nach berufsvorbereitenden Maßnahmen profitieren.«
Die Arbeitsagentur kann Geflüchtete insgesamt mit neun unterschiedenen Maßnahmen wie »Perspektiven für Flüchtlinge« oder »Maßnahmen bei einem Arbeitgeber zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung« (MAG) unterstützen. Dabei geht es darum, berufsbezogene Sprache zu fördern, Kompetenzen festzustellen oder die Menschen durch Praktika an den Arbeitsmarkt heranzuführen. Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen im Handwerk, Gastronomie und Lebensmittelherstellung, aber auch das Gesundheitswesen böten Geflüchteten Chancen. Das Jobcenter schätzt die Lage etwas zurückhaltender ein: »Das Problem liegt leider in dem Wunsch der Firmen, sofort gut ausgebildete Personen einzustellen«, erklärt Ralph Lauhoff-Baker vom Jobcenter. »Ein Integrationsprozess in eine Facharbeitsstelle dauert aber mindestens zwei Jahre.«

Integration in Dekaden denken

Das Problem des Facharbeitermangels werden Geflüchtete nicht lösen. »Weil sie meistens keine dem deutschen System entsprechende Ausbildung haben«, sagt Attila Sepsi von der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Bielefeld. Er ist in der IHK auch für die Anerkennung von Abschlüssen zuständig. In den vergangenen fünf Jahren hat er rund 1.000 Abschlüssen sein Okay gegeben. Darunter seinen aber nur sehr wenige von Flüchtlingen, sondern vor allem von Zuwanderern aus dem osteuropäischen Ausland. »Aber sie können Facharbeiter werden. Da muss man in Dekaden denken«, versichert Sepsi und spricht über die sozialen und kommunikativen Fähigkeiten der Geflüchteten. Für ihn ist klar: Wer es bis hier her geschafft hat, der bringt beachtliche Kompetenzen mit.
Das ist sicher ein Grund für das Engagement von Unternehmern. Im vergangenen Jahr hat die Vollversammlung der IHK 100.000 Euro für Geflüchtete zur Verfügung gestellt. Und gut 60 Betriebe haben 80 Plätze für die einjährige Maßnahme »Einstiegsqualifizierung plus Sprache« angeboten. »Die Integration von Flüchtlingen ist eine gesellschaftliche Aufgabe und die nehmen wir an«, sagt Attila Sepsi und schwärmt von engagierten Unternehmen wie die Halfar System GmbH oder die Horstmann Group.
Es läuft aber längst nicht alles rund. So berichtet Jutta Küster von einem Flüchtling, der sechs Wochen ein MAG-Praktikum absolvierte, ein sehr gutes Zeugnis bekam – und doch keinen Arbeitsvertrag. Stattdessen hat sich der Arbeitgeber für den nächsten kostenlosen Praktikanten entschieden. Das ärgert die Flüchtlingshelferin natürlich. »Wir kriegen die Integration von Flüchtlingen in Arbeit nur hin, wenn sich Arbeitgeber, Behörden und Stadtgesellschaft zusammen einsetzen und bürokratische Hürden gesenkt werden«, sagt sie. Aber schon jetzt ist klar, dass es nicht alle schaffen werden. In weiser Voraussicht, so scheint es, ermittelt das Jobcenter in dem »lernenden Modellprojekt« Hevi mit 600 traumatisierten Flüchtlingen aus dem Irak, was helfen kann, wenn alle Hilfen nicht geholfen haben. Sie sind teilweise schon vor zehn Jahren nach Deutschland gekommen – und haben den Anschluss nie gefunden.