Zurück hat keine Zukunft

Das Virus hat die Politik ins Private zurückgebracht. Eine Gelegenheit, sich zu entscheiden und Verantwortung zu übernehmen. Von Matthias Harre

Viertel-Nr. 43 - Foto: Martin Speckmann
Foto: Martin Speckmann

Was so ein kleines Virus nicht alles auf- deckt. Uns mal eben zeigt, wie komplex die Welt wirklich ist. Rassistische Grundstrukturen, sklavereiähnliche Arbeitsverhältnisse, die Ausbeutung von Pflegekräften, die hoffnungslose Vernachlässigung unserer Schulen, eine grundsätzlich falsche Mobilitätsstrategie stehen mit unserer Wirtschaftsweise im Zusammenhang. Überraschung! Plötzlich steht alles auf dem Prüfstand. Änderungen, die seit Jahrzehnten eingefordert wurden, erscheinen machbar. Wirklich? Nein, wahrscheinlich ist das nur eine Corona-induzierte Wahnvorstellung. Aber eine hoffnungsvolle!
Die Ewiggestrigen verteidigen die neoliberale Wachstumsreligion als alternativlos. Dabei stellt mittlerweile selbst der Papst, seit 2000 Jahren das Muster patriarchaler Allmachtsphantasien, unendliches Wachstum in einer endlichen Welt in Frage. Fortschreitende Regenwaldzerstörung, nicht umkehrbare Artentötung, kontinentale Hitzewellen, Pandemie. Alles ermöglicht durch eine Wirtschaftsweise, die von aggressiver »Wertschöpfung« lebt, die parallel laufende »Schadschöpfung« aber verleugnet. Transformationsforscherin Maja Göpel – vor der Pandemie: »Die weltweiten Krisen in Umwelt und Gesellschaft sind kein Zufall. ... Wenn wir diese Krisen meistern wollen, müssen wir uns die Regeln bewusst machen, nach denen wir unser Wirtschaftssystem aufgebaut haben. Erst wenn wir sie erkennen, können wir sie auch verändern – und unsere Freiheit zurückgewinnen.«
Wobei wir uns mit dem Philosophen John Dewey fragen müssen, »wie weit echte geistige Freiheit und soziale Verantwortung in irgendeinem größeren Umfang unter den Bedingungen der bestehenden Wirtschaftsordnung überhaupt möglich sind.« Und weiter: »Demokratie kann nur funktionieren, wenn alle Bereiche, einschließlich der Wirtschaft, demokratisch organisiert sind.«

Die Freiheit zurückgewinnen

Demokratisch ist auch das Virus. »Jeder kann sich anstecken«, sagt Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Allerdings: »Die Not im Lockdown ist hierarchisch, nichtmedizinische Folgen verteilen sich wie gehabt: Ungerecht.« Kleiner Einwand: Nicht ganz »demokratisch«, immerhin können die reichsten zehn Prozent der menschlichen Spezies sich weit besser abschotten als die ärmsten zehn Prozent. Die 80 Prozent dazwischen rutschen immer weiter nach unten. Auch durch die Hilfspakete. Die subventionieren jetzt Dinge, die jahrelang vernachlässigt wurden. Ansonsten fragwürdige Lufthansa-Rettung und reichlich Shareholder Values für Quandts und Co. Für alle Übrigen gilt: Kaufen! Kaufen! Kaufen!
Hier geht einiges durcheinander, meinen Sie? Ja, so ist das, wenn das Politische privat wird. Wie das Virus es vormacht, zeigt erst das Durcheinanderschütteln, wie sehr sich die Hilfspakete darauf konzentrieren, der neoliberalen Wirtschaftsweise als Krücke zu dienen. Der Markt regelt schon lange nichts mehr. Wenn er es je getan hat. Die Subventionen sollen ja den Konsum ankurbeln. Dabei fließen die Gelder zum großen Teil in die Finanzmärkte. Das Geld, was jetzt gedruckt wird, landet in Risikokapitalanlagen, bedient Bankenkredite. Für Geldhäuser, die ohne Steuergelder seit 2009 an der Wand kleben würden.

Verantwortung übernehmen

Den Konsum ankurbeln? Das könnte zum Beipsiel ein bedingungsloses Grundeinkommen, die 1.000 Euro wären wirklich dazu da, Kühl- und Kleiderschrank mit Notwendigem zu füllen. Überhaupt: Was ist notwendig? Was nutzt mehr, als dass es schadet? Nicht individuell gesehen, sondern gesamtgesellschaftlich? Wert- und Schadschöpfung einmal gegeneinander gehalten: Wie viele der jetzt »geretteten« Jobs werden in 20 Jahren noch existieren?
Das Schöne am Lockdown war ja, dass endlich Zeit gewesen wäre, sich zu informieren. Reichlich Podcasts, Blogs, und Artikel aus allen Disziplinen, die sich mit den Lebens-, Arbeits- und Wirtschaftsverhältnissen beschäftigten, forderten uns auf, »nach der Krise« nicht einfach zum Gewohnten zurückzukehren, sondern die Pause zu nutzen. Um nachzudenken, wie dem Desaster der ungerechten Gesellschaften und der »Ungleichheitsregimes«, wie Ökonom Thomas Piketty es nennt, zukünftig zu begegnen ist.
Ein Systemwechsel ist nicht zu finanzieren? Versuchen wir es doch einmal! Indem wir zum Beispiel dem großen Vorbild USA nacheifern. Die sind nach 1945 zur größten Wirtschaftsmacht aufgestiegen. Bei einem durchschnittlichen Spitzensteuersatz von 77,34 Prozent in den Jahren zwischen 1932 und 1982. Seit Reagan ging's bergab. Scheint also nicht zu schaden, das Geld da zu holen, wo es ist. Verteilung kann auch gerecht sein. Was zu ändern wäre, wissen wir. Übernehmen wir Verantwortung. Für unser Leben, für unsere Welt.