Viel Wissen, zuviel Verkehr

Stadt und Universität wachsen, vorerst um das Baugebiet Grünewaldstraße. Nicht besonders elegant und mit Folgen für den Bielefelder Westen, wie Bernhard Wagner herausgefunden hat

Viertel-Nr. 36 - Foto: Gabor Wallrabenstein
Foto: Gabor Wallrabenstein

Auf dem Feld zwischen Holbeinstraße und Dürerstraße werden bald keine Trecker mehr fahren. Nächstes Jahr pflügen dann wohl die Bagger das Gebiet um. 700 Wohneinheiten sollen dort entstehen, etwa 60 Prozent davon für Studierende der nahen Universität. Das Baugebiet am anderen Ende der Schloßhofstraße hat eine direkte Verbindung zum Bielefelder Westen, zumindest was den Verkehr angeht.
Mit dem Baugebiet Grünewaldstraße werden erstmals konkrete Pläne zur Bebauung des Gebietes zwischen Universität, Groß- dornberg und Babenhausen vorgelegt. Es ist zu vermuten, dass es sich hierbei nur um einen ersten Schritt handelt. Ein Ortsteilentwicklungskonzept der Stadt geht nicht nur von weiterer Wohnbebauung aus, sondern auch von »Flächen für Kooperationspartner aus Wissenschaft und Wirtschaft, angrenzend zum Campus sowie darüber hinaus«, kurzum auch ein großes Gewerbegebiet. Hintergrund sind die ehrgeizigen Pläne von Universität und Stadt, Bielefeld zum Wissenschaftsstandort auszubauen. Es beinhaltet die Ansiedlung weiterer Forschungseinrichtungen, aber auch von Unternehmen. Insgesamt geht es laut der Bürgerinitiative ›Bielefeld natürlich‹ um eine Fläche von etwa 120 Hektar. Das entspricht dem vierfachen des Altstadthufeisens. Die Initiative warnt vor einem gigantischen Flächenverbrauch.

Stadt ohne Ideen

Das Ortsteilentwicklungskonzept schlägt diverse Wohnformen vor: »zum Beispiel Reihenhäuser, Patiohäuser, Hofgruppe, gemeinschaftliches Wohnen«. Beim Entwurf für die Grünewaldstraße ist davon noch nichts zu sehen. Geplant sind aneinandergereihte, kastenartige Bauten mit breiten autogerechten Straßen. »Gestalterisch nicht der große Hit« merkt Bernd Vollmer trocken an, der für die Linken in der Bezirksvertretung Dornberg und im Stadtentwicklungsausschuss sitzt. In der Tat ist eine stadtplanerische Idee nur schwer erkennbar.
Die Pläne sind von privaten Investoren vorgelegt worden. Kann die Stadt angesichts des dringend benötigten Wohnraums überhaupt noch Vorgaben machen? »Die Stadt kann steuern, wenn sie will«, meint dazu Bernd Vollmer. Immerhin hat sie einige Auflagen gemacht, so soll die Bebauung mit zwei bis vier Geschossen ein »harmonisches Siedlungs- und Straßenbild« ergeben. 70 Wohneinheiten müssen mit öffentlicher Förderung auch für Einkommensschwächere erschwinglich sein. Der Planungsprozess ist noch nicht abgeschlossen. Auch die Bezirksvertretung und anderen Gremien können noch Änderungen erwirken.
Doch das ersetzt keine langfristige, strategische Stadtentwicklungsplanung. Ein ganz neues Stadtviertel hinter der Universität könnte die Chance bieten, auch neue Ideen umzusetzen. Wohnungsbaugenossenschaften, Gemeinschaftseinrichtungen, autofreies oder zumindest autoarmes Wohnen mit Car-Sharing, Integrationsmodelle, anspruchsvolle architektonische Entwürfe sind nur einige Stichworte.

Noch mehr Verkehr durch den Bielefelder Westen

Für den Bielefelder Westen heißt das Neubaugebiet Grünewaldstraße in jedem Falle mehr Verkehr, denn es wird über die Voltmannstraße und die Schloßhofstraße angebunden. Damit wird die Verkehrssituation im Viertel immer brisanter. Die schmalen Straßen werden zunehmend als Durchfahrtstraßen benutzt. Schon heute verlaufen die Fahrtrouten zur Uni und die westlich gelegenen Wohngebiete über die völlig überlastete Stapenhorststraße oder eben durch die engbebauten Wohngebiete des Westens, um dann über die Schloßhofstraße abzufließen.
Ein vernünftiges Konzept für die Verkehrserschließung der neuen Baugebiete gibt es nicht. Doris Hellweg, grünes Mitglied im Stadtentwicklungsausschuss, verweist zwar auf die gute ÖPNV-Anbindung durch die Linie 4, erwartet aber auch eine zusätzliche Belastung der Straßen. Um die Situation wenigstens etwas zu entspannen, fordern Anwohner von West- und Schloßhofstraße seit langem Verkehrslenkungsmaßnahmen. So könnte zumindest der direkte Zugang von der Ostwestfalendamm-Abfahrt in die Weststraße gesperrt werden, indem einfach die Geradeausspur gestrichen wird. Doch bisher stellte sich die Verwaltung gegenüber solchen Forderungen stur.