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Die autogerechte Stadt steht im Stau. Das müssen wir ändern. Eine Polemik von Matthias Harre

Viertel-Nr. 42 - Foto: Martin Speckmann
Foto: Martin Speckmann

»Wie soll ich denn zur Arbeit?« »Und wenn es regnet?« »Der ÖPNV funktioniert nie!« »Ist auch viel zu teuer!« »Ich will selbst bestimmen, wann ich wo bin!« »Ich lebe auf dem Land.«
Um Ausreden nicht verlegen, stehen sie täglich in ihrer selbst verursachten Verstopfung, lärmen und stinken die Anwohnerschaft voll. Ärgern sich, dass nichts mehr geht. Fantasielos, bequem und egoistisch. Jeden Tag aufs Neue: Elterntaxis, Parkplatzcruiser, Alleinfahrer*innen, hupende Hochzeitskorsos, röhrende Auspuffjunkies in 30erZonen. Autos nerven.
Warum ignorieren wir diese Belästigung so konsequent? Die Problematik beständigen Wachstums ist doch offensichtlich. Auf einem endlichen Planeten ist endloses Wachstum nicht möglich. Ist eigentlich leicht zu verstehen. Begrenzter Raum ist begrenzt.
Trotzdem wird das gerade vorgestellte »Verkehrskonzept Bielefelder Westen«, das mit nachdenkenswerten Vorschlägen für eine Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs plädiert, umgehend zerkrittelt. Werden die leider zaghaften, beileibe nicht radikalen Umbaupläne zu Jahnplatz und Innenstadt schlecht geredet. Von den üblichen Bedenkenträgern: Teile der Tagespresse, sich »bürgerlich« nennende Parteien und Teile der Kaufmannschaft. Die sich schon in den 1960er Jahren gegen die Umgestaltung der Altstadt zur Fußgängerzone gewehrt hatten.

Autos nerven

Überhaupt, die 60er. Da fing er an, der Mobilitätswahn. 1959 erschien »Die autogerechte Stadt – Ein Weg aus dem Verkehrs-Chaos«. Autor war Hans Bernhard Reichow. NSDAP-Mitglied, Mitarbeiter am »Generalplan Ost«, der die Ansiedlung von »arischen« Siedlern in den besetzten Gebieten Osteuropas organisierte. Beratendes Mitglied des von Albert Speer geleiteten »Arbeitsstabs für den Wiederaufbau bombenzerstörter Städte« und nach Kriegsende Planer der Sennestadt. Reichow plädierte zwar für Entschleunigung und eine Entschärfung von Konfliktpunkten im Straßenverkehr, allein war der Buchtitel »Die autogerechte Stadt« der perfekte Dekkel, um den frisch aufgesetzten Wachstumstopf am köcheln zu halten.
Der ungehinderte Verkehrsfluss wurde Maß aller Dinge, in vielen Städten schlugen Abrissbirnen größere Lücken als die alliierten Bomberverbände bis 1945. Autoschneisen zerschnitten Quartiere, walzten Stadtteile platt. Die zunehmende Motorisierung beförderte weiteren Straßenbau. Ortsumgehungen, Bundesstraßen, Autobahnen wurden vier-, sechs-, achtspurig. Um Staus zu vermeiden. Ganz im Sinne der neuen Wachstums- und Konsumreligion, äh, -ideologie: Mehr Straßen, mehr Autos, mehr Staus, mehr Straßen, mehr Autos, mehr … Die Zahl der zugelassenen Fahrzeuge steigt noch immer beständig. In Bielefeld in den vergangenen 6 Jahren zuverlässig so um die 3000 Autos pro Jahr. Stand 2018: 165.841 PKW. Etwas mehr als ein Fahrzeug auf zwei erwachsene Einwohner*innen, knapp ein PKW pro Haushalt.

Massenindividualismus

Die Idee der »autogerechten Stadt« war auch darum so erfolgreich, weil ihr Konzept hervorragend zur von Wirtschaft und Politik angestrebten Amerikanisierung, also zur Kapitalisierung der Gesellschaft passte. Schneller, höher, weiter. Windhund, Leder, Kruppstahl. Anything goes. Patriarchale Allmachtsfantasien kennen nur den aufs eigene Ego beschränkten Blick. Massenindividualismus. Mein Auto ist Symbol meiner Potenz, seine Qualität unterscheidet mich von meinen Nachbarn. Ein Instrument der Abgrenzung, das paradoxerweise Freiheit bringen soll. My car is my castle, in dem ich die Regeln bestimme.
Problematisch wird es, wenn sich diese »individuellen Räume« im öffentlichen Raum begegnen. Und den eigentlich für alle, eben auch für nicht motorisierte Verkehrsteilnehmende verfügbaren Platz, für sich beanspruchen. Dann wird es, und zwar mit zunehmender Sicherheitstechnologie der Fahrzeuge, toxisch für die, die ungeschützt am Verkehr teilnehmen. Zeigen die Unfallstatistiken. NOx, CO2 und Feinstaub betreffen allerdings alle.
Es bleibt schizophren. Diejenigen, die sich am meisten über Staus ärgern sind die, die drin stehen. Die, die sie verursachen. Auch E-Mobilität ändert daran nichts. Verzicht auf fossile Brennstoffe ändert die Stau-, Platzund Unfallproblematik nicht. Einzig massiver Abbau des motorisierten Individualverkehrs kann eine Lösung für bessere Lebensqualität in wachsenden Städten sein. Autofreie Innenstädte mit praktikablen Shuttleund Park&Ride-Systemen, Reduzierung und Verteuerung von Anwohnerparkplätzen, massiver Ausbau des ÖPNV wären ein Anfang. Ökodiktatur? Nicht unbedingt, aber unbedingt ein Ausstieg aus der Autodiktatur.